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Château Lanessan – Der vergessene Fünfte? Ein Médoc-Juwel mit Geschichte

Im Herzen des Haut-Médoc, in der Gemeinde Cussac-Fort-Médoc nahe der Gironde-Mündung, liegt das Château Lanessan – eines der ältesten Familiengüter Bordeauxs. Seine Wurzeln reichen bis ins Jahr 1310 zurück, doch die schriftlich dokumentierte Geschichte des heutigen Weinguts beginnt im Jahr 1793, als der Bordeaux-Weinhändler Jean Delbos das Anwesen mit 24 Hektar Weinbergen erwarb. Zwischen 1876 und 1878 ließ er vom renommierten Architekten Henri Duphot das prachtvolle, von Tudor-Einflüssen geprägte neoklassizistische Schloss errichten, das noch heute das Gut dominiert.

Das Anwesen blieb über Generationen hinweg in Familienbesitz. 1907 heiratete Marie-Louise Delbos Étienne Bouteiller, und seither wird das Gut von der Familie Bouteiller – heute in achter Generation – geführt. Ein kurioses Kapitel seiner Geschichte schrieb Lanessan im Jahr 1855: Bei der berühmten Bordeaux-Klassifikation verzichtete Besitzer Louis Delbos bewusst darauf, Proben einzusenden, da er die Wertung nicht ernst nahm. Dieser vermeintliche Fehler erwies sich als Glücksfall für Kenner, denn die Weine des Hauses werden seitdem von Kritikern wie Robert Parker hochgelobt – er sprach ihnen das Potenzial eines Fünften Gewächses zu.

Die 42 bis 45 Hektar Rebfläche erstrecken sich auf tiefen Garonne-Kiesböden mit ton- und kieselhaltigem Untergrund. Bestockt sind die Parzellen überwiegend mit Cabernet Sauvignon (rund 60 %), gefolgt von Merlot (rund 30 %) und Petit Verdot (rund 7 %). Das Durchschnittsalter der Reben liegt bei etwa 20 bis 30 Jahren. Im Keller setzt das Gut auf höchste Präzision: Die Trauben werden einer optischen Sortierung unterzogen, bevor sie in temperaturgesteuerten Betontanks vergären. Der Ausbau des Grand Vin erfolgt für etwa 12 Monate in Barriques aus französischer Eiche, zu gleichen Teilen in neuen, ein- und zweijährigen Fässern.

Das Château Lanessan ist heute eine der schönsten Referenzen des Haut-Médoc und wurde zuletzt 2003 als Cru Bourgeois Supérieur eingestuft. Seit 2020 wird das Weingut von einem neuen Team geleitet, das die langjährige Partnerschaft mit dem berühmten Médoc-Önologen Eric Boissenot intensiviert hat. Eine Besonderheit ist das im Anwesen beherbergte Pferdemuseum mit einer Sammlung historischer Kutschen aus der Belle Époque – ein lebendiges Zeugnis der engen Verbindung zwischen Weinbau und Reittradition, die das Gut bis heute prägt.