Taittinger Comtes de Champagne Blanc de Blancs 1990 – Die strahlende Vollendung einer Legende
Es gibt Champagner, die sind mehr als ein Getränk. Sie sind der Inbegriff einer jahrhundertealten Handwerkskunst, die Verkörperung eines einzigartigen Terroirs und eine Zeitkapsel, die einen bestimmten Moment in der Geschichte der Champagne konserviert. Der Taittinger Comtes de Champagne Blanc de Blancs aus dem Jahrgang 1990 ist ein solcher Wein – und vielleicht sogar mehr als das. Er gilt unter Kennern als einer der größten Jahrgänge dieser prestigeträchtigen Tête de Cuvée überhaupt, als ein Wein, der die Eleganz und die mineralische Präzision des reinen Chardonnay aus den Grand Cru-Lagen der Côte des Blancs in einer Weise zum Ausdruck bringt, die an Perfektion grenzt. Eine Flasche dieses Weins heute zu verkosten, ist keine gewöhnliche Begegnung mit einem Champagner, sondern eine Reise in die stille Größe eines Hauses, das seit Generationen die Kunst der Assemblage und der langen Reifung perfektioniert hat – und in einen Jahrgang, der von der Fachwelt als außergewöhnlich eingestuft wird, aber auch seine Tücken und seine Wandlungsfähigkeit besitzt.
Um diesen Wein zu verstehen, muss man zunächst die Philosophie verstehen, die hinter ihm steht. Der Comtes de Champagne wird ausschließlich aus 100 % Chardonnay hergestellt, der aus fünf der legendären Grand Cru-Gemeinden der Côte des Blancs stammt: Avize, Chouilly, Cramant, Mesnil-sur-Oger und Oger. Diese Lagen, die auf einem Untergrund aus kretazischem Kreidegestein ruhen, verleihen dem Wein seine unverwechselbare mineralische Prägung – eine salzige, kreidige Energie, die selbst nach Jahrzehnten der Reifung noch spürbar ist. Das Haus Taittinger verwendet für diese Cuvée ausschließlich den ersten Presssaft („cuvée“) der Trauben und lässt einen kleinen Teil des Weins in Eichenfässern reifen – etwa 5 % für fünf Monate –, um dem Wein eine subtile Textur und zusätzliche Komplexität zu verleihen. Nach der Flaschengärung ruht der Champagner für fast ein Jahrzehnt auf der Feinhefe in den historischen kreidehaltigen Kellern („crayères“) unter der Abtei Saint-Nicaise in Reims, bevor er degorgiert wird. Diese außergewöhnlich lange Hefelagerung ist der Schlüssel zur cremigen Textur und den komplexen Autolyse-Aromen von Brioche, Nüssen und Honig, die den Comtes de Champagne so unverwechselbar machen. Der Jahrgang 1990 wurde – zumindest bei einigen Abfüllungen – erst 2012 degorgiert, was bedeutet, dass der Wein vor seiner Freigabe über zwei Jahrzehnte auf der Hefe verbracht hat, eine Geduld, die sich in seiner außergewöhnlichen Tiefe und Integrität widerspiegelt.
Der Jahrgang 1990: Ein großer, aber wandelbarer Jahrgang
Das Weinjahr 1990 war in der Champagne ein Jahrgang, der oft in einem Atemzug mit den großen Jahren 1988 und 1989 genannt wird. Wie Tastingbook zusammenfasst, waren 1988, 1989 und 1990 drei exzellente Jahrgänge, und zunächst hielten viele den 1990er für den besten des Trios, bevor dieser Ruf später an den 1988er überging. Die Witterung im Jahr 1990 war von einem warmen Winter und Frühling geprägt, der einen frühen Austrieb begünstigte, gefolgt von einem Frost im April, der die Reben anfällig machte. Der darauffolgende Sommer und Herbst ermöglichten eine Reifung, die zu Weinen von großer Fülle und Opulenz führte – Eigenschaften, die sich auch im Comtes de Champagne 1990 wiederfinden. Die Weinwelt ist sich jedoch einig, dass einige Champagner des Jahres 1990 schneller gereift sind als erwartet und dass es von Flasche zu Flasche und von Produzent zu Produzent Unterschiede geben kann. Diese Beobachtung ist entscheidend für das Verständnis dieses Weins: Er ist kein monolithischer Block, sondern ein lebendiges Wesen, das je nach Lagerung, Flaschenformat und Provenienz unterschiedliche Facetten zeigen kann.
Das sensorische Erlebnis: Ein Mosaik aus Reife, Mineralität und Autolyse
Eine Flasche des Taittinger Comtes de Champagne 1990 heute zu verkosten, ist ein Erlebnis von seltener Tiefe und Wandelbarkeit. Die Verkostungsnotizen, die über die Jahrzehnte von Sammlern und Kritikern zusammengetragen wurden, zeichnen das Bild eines Weins, der die Extreme seines Jahrgangs und seines Terroirs in eine bemerkenswerte Harmonie verwandelt hat – und der sich dabei ständig verändert.
Die Farbe ist ein erstes Zeugnis seiner Reife: Der Wein zeigt sich in einem tiefen, leuchtenden Goldgelb mit bernsteinfarbenen Reflexen, die von der jahrzehntelangen Entwicklung im Keller zeugen. Serena Sutcliffe MW von Sotheby's beschrieb die Farbe als „soutenue“ und „bien limpide“, mit feinen Bläschen, die eine elegante Mousse bilden. Die Nase ist das erste große Ereignis dieses Champagners. Sie ist intensiv, vielschichtig und von einer betörenden Komplexität, die sich je nach Flasche und Belüftung unterschiedlich präsentiert. Serena Sutcliffe MW beschrieb die Nase als „warm boulangerie“ – eine warme Bäckerei-Aromatik –, die „sehr gewinnend“ sei, unterlegt von Vanille, Clementinen und Blumen. Eine andere Verkostungsnotiz, die von der „Wine Advocate“ zitiert wird, hebt Noten von Orangenmarmelade und gerösteten Nüssen hervor, die von einer mineralischen Ader wunderbar kontrastiert werden. Richard Juhlin, einer der weltweit führenden Champagner-Experten, beschrieb die Nase in der Magnum-Flasche als „fast identisch mit einem Les Clos von Dauvissat“ – ein bemerkenswerter Vergleich für einen Champagner, der die mineralische Tiefe und den Charakter eines großen weißen Burgunders unterstreicht. In der Standardflasche hingegen zeige sich ein „reiferer und süßerer Comtes“ mit einem „langen, fetten und getoasteten Eichen-Abgang“. Diese Bandbreite an Beschreibungen macht deutlich, dass der Comtes de Champagne 1990 ein Wein ist, der je nach Format und Lagerung unterschiedliche Persönlichkeiten zeigen kann – ein Chamäleon von großer Klasse.
Am Gaumen entfaltet sich die wahre Größe dieses Weins. Der Auftakt ist reich, cremig und vollmundig, mit einer seidigen, fast samtigen Textur, die den Gaumen umschließt. Serena Sutcliffe MW beschrieb den Gaumen als „silky smooth“ mit Noten von Vanillin, Clementinen und Blumen und lobte die „Eleganz und Verführungskraft“ sowie die „Finesse der Textur“. Robert Parker von der Wine Advocate bezeichnete diesen Champagner als „möglicherweise den sexiesten und voluptuösesten Champagner auf dem Markt“ – eine Beschreibung, die die opulente, sinnliche Seite dieses Weins unterstreicht. Stephen Tanzer von Vinous hob die „extraordinarily chewy texture“ hervor, mit „reifen Säuren, die den Aromen großen Schub verleihen“, und nannte ihn kurzerhand einen „Knockout Champagne“. Die Mousse ist fein und samtig, und doch durchzieht den Wein eine lebendige, belebende Säure, die ihn vor jeglicher Schwere bewahrt und ihm eine bemerkenswerte Frische und Länge verleiht. Panos Kakaviatos von der Wine Advocate lobte die „solche Finesse am Gaumen“ mit „feinen Zitrusnoten, einschließlich Zitronenkuchen“ und einer „Wärme des Jahrgangs“, die „gebrannten Apfel“ assoziieren lässt. Die Dosage ist vollständig integriert und trägt zur Fülle und Rundung des Weins bei, ohne ihn süß wirken zu lassen. Der Abgang ist außergewöhnlich lang und nachhaltig, mit einem sauberen Nachhall von Frucht, Nüssen, Mineralität und einer subtilen Würze – ein Zeichen für die perfekte Reifung und die große Klasse dieses Champagners. Serena Sutcliffe MW beschrieb den Abgang als „superb hazelnutty/biscuit taste“ mit „herrlicher Frische und Helligkeit“ und einem Gefühl, das „utterly more-ish“ sei.
Die Bewertungen: Ein Chor der Anerkennung
Die Bewertungen für den Taittinger Comtes de Champagne 1990 spiegeln seine außergewöhnliche Qualität und seine Fähigkeit wider, selbst erfahrene Kritiker zu überzeugen. Robert Parker Jr. von der Wine Advocate vergab 96 Punkte und beschrieb den Wein als „fresh and vibrant“ mit Aromen von „frischem Teig, heller Zitrone und Butter“ und einer „lebendigen Textur“, die die Aromen zu einem „anhaltenden Abgang“ treibe. Antonio Galloni von Vinous vergab ebenfalls 96 Punkte und lobte die „Noten von Orangenmarmelade und gerösteten Nüssen“, die von einer „mineralischen Ader“ wunderbar kontrastiert würden, sowie die „Frische und den Esprit“ des Weins. Richard Juhlin vergab 96 Punkte und beschrieb den Wein in der Magnum als „jung mit einem sauberen, trockenen Geschmack“ und einer „unmissverständlichen Klasse“. Stephen Tanzer von Vinous vergab 95 Punkte und nannte ihn einen „Knockout“. Serena Sutcliffe MW von Sotheby's vergab 96 Punkte (WA) und beschrieb den Wein als „hoch erfolgreich und ein totales Vollblut“, das den Mund auf „entzückende Weise“ liebkose. Die Plattform Tastingbook, die die Bewertungen zahlreicher professioneller Kritiker und tausender Nutzer aggregiert, vergibt dem Wein 96 Tb-Punkte und listet ihn unter den 1.034 besten Weinen der Welt. Die CellarTracker-Community, in der Sammler ihre Verkostungsnotizen teilen, verzeichnet einen Median von 93 bis 94 Punkten aus über 120 Bewertungen, wobei die Spanne von 88 bis 99 Punkten reicht – ein Spiegelbild der Variabilität, die dieser Wein je nach Flasche und Lagerung zeigen kann. Diese Bandbreite an hohen Bewertungen zeigt, dass der Comtes de Champagne 1990 ein Wein ist, der je nach Flasche, Lagerung und persönlichem Geschmack sehr unterschiedlich wahrgenommen werden kann, aber stets auf höchstem Niveau überzeugt.
Lagerpotenzial und Trinkreife: Ein Wein am Scheideweg
Die Frage nach der Trinkreife des Comtes de Champagne 1990 ist heute, fast vier Jahrzehnte nach der Ernte, von besonderer Bedeutung – und die Antwort ist ebenso faszinierend wie komplex. Die Empfehlungen der Experten und die Erfahrungen der Sammler zeichnen das Bild eines Weins, der sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Reife befindet und je nach Flasche und Format unterschiedliche Gesichter zeigt. Tastingbook gibt ein Trinkfenster von 2020 bis 2035 an, was darauf hindeutet, dass der Wein noch einige Jahre auf hohem Niveau genossen werden kann. Die CellarTracker-Gemeinschaft ist sich jedoch weitgehend einig, dass der Wein seinen Höhepunkt erreicht oder bereits überschritten hat. Ein Verkoster bemerkte im Jahr 2025, der Wein sei „still effervescent“, die Frucht habe „an Tiefe gewonnen“ und es gebe eine „präzise gebackene Brotnote“, die nicht in oxidierte Sherry-Noten übergegangen sei – „this is fantastic now“. Ein anderer Verkoster aus dem Jahr 2025 fand den Wein „very nice still but felt a bit over the hill and highly oxidized compared to the ‘96 by its side“. Ein weiterer Verkoster aus dem Jahr 2025 beschrieb eine „oxidative Komplexität, die von Oloroso Sherry, gegrillten Walnüssen, Tannenhonig, gesalzenem Karamell und verbranntem Toast dominiert“ werde, und wünschte sich „mehr Säure und einige Trockenfrüchte“. Diese Bandbreite an Erfahrungen – von „fantastisch“ bis „über den Berg“ – unterstreicht, dass der Comtes de Champagne 1990 ein Wein ist, der von Flasche zu Flasche variiert und dessen Genuss ein gewisses Maß an Glück und eine sorgfältige Lagerung erfordert.
Die Magnum-Flasche scheint die beste Wahl für diejenigen zu sein, die den Wein in seiner jugendlichsten und vitalsten Form erleben möchten. Richard Juhlin bemerkte, dass der Wein in der Magnum „jung“ sei, während in der Standardflasche ein „reiferer und süßerer Comtes“ erscheine. Serena Sutcliffe MW verkostete den Wein 2014 aus der Magnum und beschrieb eine „wunderbare, klassenbewusste, reduktive/brotige Nase“ und einen „superben Haselnuss-/Keksgeschmack“ mit „Finesse der Textur und Eleganz“. Wer das Glück hat, eine gut gelagerte Magnum zu besitzen, sollte sie daher in den kommenden Jahren öffnen, um den Wein in seiner strahlendsten Pracht zu erleben. Für Standardflaschen gilt: „Drink up“ – trinken, nicht mehr lange warten.
Die Empfehlung zur Servierung ist eindeutig: Der Wein sollte bei einer Temperatur von 10 bis 12 Grad Celsius serviert werden, um seine feinen Aromen und seine lebendige Säure optimal zur Geltung zu bringen. Er ist ein perfekter Begleiter zu feinen Fischgerichten, Meeresfrüchten, hellem Fleisch und gereiftem Hartkäse – und er ist ein Wein, der es verdient, auch pur und mit Ruhe genossen zu werden, als Meditation über die Zeit und die ungebrochene Kraft eines großen Terroirs.
Fazit: Die strahlende Vollendung einer großen Cuvée
Der Taittinger Comtes de Champagne Blanc de Blancs 1990 ist kein Wein, der im Rampenlicht steht. Er ist kein legendärer „Jahrhundertjahrgang“ wie 1996 oder 2008, und er wird nicht in jedem Weinmagazin als der größte Comtes aller Zeiten gefeiert. Und doch verkörpert er eine Tugend, die in der heutigen Weinwelt oft übersehen wird: die stille, beständige Größe eines Weins, der aus einem außergewöhnlichen Jahrgang, einem einzigartigen Terroir und der beharrlichen Handwerkskunst eines der traditionsreichsten Häuser der Champagne hervorgegangen ist. Er ist das Ergebnis einer glücklichen Fügung aus 100 % Chardonnay von fünf Grand Cru-Lagen, einer fast zehnjährigen Hefelagerung in den historischen Kreidekellern von Reims und einer Geduld, die sich ausgezahlt hat. Er erinnert uns daran, dass wahre Klasse sich nicht immer in spektakulärer Opulenz oder einem berühmten Jahrgang ausdrückt, sondern oft in der Fähigkeit, unter den Bedingungen der Zeit eine eigene, subtile und zutiefst befriedigende Persönlichkeit zu entwickeln. In seiner Bescheidenheit liegt seine Größe – ein stiller Triumph der Beständigkeit und ein würdiger Botschafter des Hauses Taittinger und seiner Tête de Cuvée, die zu den profundesten Weinen der Champagne zählt. Wer das Glück hat, eine gut gelagerte Flasche – am besten eine Magnum – zu öffnen, sollte sich Zeit nehmen, nicht nur zum Genießen, sondern auch zum Nachdenken über die Vergänglichkeit und die ungebrochene Faszination eines Weins, der die Zeit überdauert hat.