Monimpex Tokaji Aszú 3 Puttonyos 1966 – Ein flüssiges Denkmal des ungarischen Staatsweinbaus
Es gibt Flaschen, die sind weniger ein Getränk als vielmehr ein Archivstück. Der Monimpex Tokaji Aszú 3 Puttonyos aus dem Jahr 1966 in der 500-Milliliter-Flasche ist ein solches Relikt. Er entstammt einer Zeit, in der Ungarn hinter dem Eisernen Vorhang lag und der Weinbau des Landes fest in staatlicher Hand war. Monimpex – die Kurzform für „MONopolcikkek IMPort és EXport Vállalata“ – war von 1948 bis in die 1980er Jahre hinein der exklusive Exporteur ungarischer Weine und blieb bis 1999 bestehen. Eine Flasche mit diesem Etikett ist also nicht nur ein Wein, sondern ein Dokument der Wirtschaftsgeschichte des Ostblocks, ein Zeugnis jener Jahre, in denen der Tokaji Aszú hinter staatlichen Siegeln und Devisenplänen verschwand.
Der Jahrgang 1966: Ein „gutes“ Jahr in einer bewegten Epoche
Die ungarische Jahrgangsklassifikation für Tokaj-Hegyalja führt das Jahr 1966 als „jó“ (gut). Das war keine Selbstverständlichkeit in einer Dekade, die von politischen Umbrüchen und der Konsolidierung der staatlichen Weingüter geprägt war. 1966 war das Jahr, in dem die Tokajhegyaljai Állami Gazdasági Borkombinát (das Staatliche Weinwirtschaftskombinat Tokaj) ihre Strukturen festigte und die Trauben der Kleinproduzenten aufkaufte, um sie zentral zu verarbeiten. Der Monimpex-Aszú dieses Jahrgangs ist somit ein Produkt jener industriellen wie handwerklichen Zwitterstellung: Er entstand in einer Zeit, in der die staatliche Kellerei die Kontrolle über die Produktion hatte, die alten Weinberge und die traditionellen Methoden der Aszú-Bereitung aber noch lebendig waren. Die Flasche, die heute vor einem steht, hat also nicht nur sechs Jahrzehnte im Keller überdauert, sondern auch ein politisches System, das sie hervorgebracht hat.
Die Kunst des Aszú: Drei Puttonyos als Einstieg in die Welt der Edelsüße
Um zu verstehen, was in dieser Flasche steckt, muss man den Begriff der Puttonyos begreifen. Die Herstellung eines Tokaji Aszú ist ein langwieriger, fast archaischer Prozess: Die von Edelfäule (Botrytis cinerea) befallenen Beeren – die Aszú-Beeren – werden einzeln von Hand gelesen und zu einem dickflüssigen Brei, dem sogenannten „Aszú-Teig“, verarbeitet. Dieser Teig wird anschließend mit einem bereits fertig vergorenen Grundwein oder Most übergossen und für 24 bis 48 Stunden mazeriert, bevor der Wein zur mehrjährigen Reifung in Eichenfässer abgefüllt wird. Die Menge des zugesetzten Aszú-Teigs – gemessen in Puttonyos, historischen Tragkörben von etwa 30 Litern – bestimmt die Konzentration und Süße des fertigen Weins. Drei Puttonyos waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die unterste offiziell hergestellte Stufe; erst ab 2013 wurde diese Kategorie offiziell abgeschafft und durch eine Mindestrestsüße von 60 g/l ersetzt. Ein 3-Puttonyos-Aszú ist also kein überwältigender, sirupartiger Nektar, sondern der elegante, filigrane Einstieg in die Welt der Tokaji-Aszú – ein Wein, der Süße und Säure in eine schwebende Balance bringt, anstatt die Süße zu zelebrieren.
Das sensorische Erlebnis: Von Rosinen, Honig und einem Hauch von Pedro Ximénez
Eine Flasche des Monimpex 1966 heute zu verkosten, ist eine Reise in die sensorische Vergangenheit. Die Farbe wird in zeitgenössischen Beschreibungen als bernsteinfarben beschrieben, jener tiefe Goldton, den große, gereifte Tokajer nach Jahrzehnten im Keller annehmen. Die Nase ist das erste große Ereignis: Sie offenbart intensive Aromen von Rosinen, Honig und süßer Kastanie, unterlegt von Noten von Backpflaume und einem Hauch von Schokolade. Diese Beschreibung deckt sich mit dem, was Kenner großer, alter Aszús erwarten: eine Mischung aus Trockenfrucht, Bienenwachs und einer erdigen, nussigen Tiefe, die von der jahrzehntelangen Reifung im Fass und in der Flasche zeugt.
Doch ein so alter Wein hat seine eigene, unverwechselbare Persönlichkeit. Eine Nutzerverkostung auf Vivino beschreibt den Monimpex-Aszú mit den treffenden Worten: „Smells like Pedro Ximenez by now but still has some acidity left“. Das ist der Schlüssel zum Verständnis dieser Flasche. Nach fast sechzig Jahren hat sich die Frucht in Richtung jener oxidativen, ranzigen Süße entwickelt, die an einen alten Pedro Ximénez erinnert – Noten von Feige, Dattel, Kaffee und altem Holz treten in den Vordergrund. Und doch ist da noch Säure, jene lebensrettende, belebende Kraft, die den Wein vor der Schwere bewahrt und ihm eine Spannung verleiht, die man bei einem so alten Süßwein nicht erwarten würde. Am Gaumen dürfte sich der Wein seidig und ölig präsentieren, mit einer Fülle, die den Mund umschmeichelt, aber niemals klebrig wirkt. Die Süße ist vollständig in die Textur integriert, und der Abgang ist außergewöhnlich lang und nachhaltig, getragen von einer mineralischen Salzigkeit und einer feinen, würzigen Bitterkeit, die an Orangenschale oder Mandel erinnert. Die Plattform Tastingbook bewertet einen vergleichbaren 1966er Tokaji Aszú 3 Puttonyos mit 85 Tb-Punkten – eine solide, respektable Bewertung für einen Wein dieses Alters und dieser Herkunft, die seine Qualität und Trinkbarkeit unterstreicht.
Die Reifung in der Flasche: Ein Wein, der die Zeit anders misst
Die 500-Milliliter-Flasche ist ein Format, das für die lange Reifung prädestiniert ist. In ihr kann sich der Wein langsam und gleichmäßig entwickeln, ohne von der Oxidation überwältigt zu werden. Ein Tokaji Aszú von 1966 hat auf seinem Weg durch die Jahrzehnte eine Transformation durchlaufen, die sich mit Worten nur annähernd beschreiben lässt: Die Primärfrucht der Jugend ist längst einer tiefen, tertiären Komplexität gewichen, die Süße hat sich mit der Säure zu einer harmonischen Einheit verbunden, und die Textur ist von samtig-weich zu ölig-seidig gereift. Die Empfehlung zur Servierung ist eindeutig: Der Wein sollte bei einer Temperatur von 10 bis 12 Grad Celsius serviert werden, nicht zu kalt, um die komplexen Aromen nicht zu betäuben. Er ist kein Wein für den schnellen Genuss, sondern einer, der im Glas atmen und sich entfalten will – ein Wein, der die Zeit, die er im Keller verbracht hat, in jedem Schluck widerspiegelt.
Fazit: Die stille Größe eines staatlichen Erbes
Der Monimpex Tokaji Aszú 3 Puttonyos 1966 ist kein Wein, der im Rampenlicht der großen Auktionshäuser steht. Er ist kein legendärer Jahrgang wie der 1999er oder der 2007er, und er wird nicht in den Ranglisten der größten Süßweine aller Zeiten geführt. Und doch verkörpert er eine Tugend, die in der heutigen, von Marken und Kritikern dominierten Weinwelt oft übersehen wird: die stille, beständige Größe eines Weins, der aus einem guten Jahrgang, einem historischen Staatsbetrieb und einer jahrzehntelangen, geduldigen Reifung hervorgegangen ist. Er ist ein flüssiges Denkmal des ungarischen Staatsweinbaus, ein Zeuge der Monimpex-Ära und ein Beweis dafür, dass wahre Klasse sich nicht immer in spektakulärer Opulenz oder einem berühmten Namen ausdrückt, sondern oft in der Fähigkeit, unter den Bedingungen der Geschichte eine eigene, subtile und zutiefst befriedigende Persönlichkeit zu entwickeln. Wer das Glück hat, eine solche Flasche zu öffnen, hält kein Getränk in Händen, sondern ein Stück Zeitgeschichte – und einen Wein, der gelernt hat, mit der Zeit zu gehen, ohne sich ihr zu beugen.