Julian Haart Wintricher Ohligsberg Riesling Kabinett „Alte Reben“ 2017 – Ein stilles Meisterwerk der Mosel
In der Welt des deutschen Rieslings gibt es Weine, die weit über den Status eines bloßen Getränks hinausgehen. Sie sind das Ergebnis einer jahrhundertealten Weinbautradition, eines einzigartigen Terroirs und der visionären Handschrift eines Winzers, der seine Berufung mit kompromissloser Hingabe lebt. Der Julian Haart Wintricher Ohligsberg Riesling Kabinett „Alte Reben“ aus dem Jahrgang 2017 ist ein solcher Wein. Er stammt aus dem Herzen der Mosel, genauer gesagt aus der Gemeinde Wintrich an der Mittelmosel, und ist das Produkt einer der ältesten Winzerfamilien der Region: Die Familie Haart betreibt nachweislich seit 1337 Weinbau in Piesport und zählt damit zu den ältesten Winzerdynastien an der Mosel. Julian Haart, der eigentlich seine Laufbahn als Koch begann, gründete sein eigenes kleines Weingut erst im Jahr 2010, nachdem er bei den Besten gelernt hatte – bei Emrich-Schönleber an der Nahe, Heymann-Löwenstein an der Mosel und Klaus-Peter Keller in Rheinhessen. Diese ungewöhnliche Biografie – die Verbindung von kulinarischem Handwerk und önologischer Präzision – prägt seinen Stil bis heute: Seine Weine sind keine lauten Kraftprotze, sondern filigrane, präzise und tiefgründige Gewächse, die die Seele ihrer Herkunft in sich tragen.
Das Terroir: Der Wintricher Ohligsberg – eine Lage von historischem Rang
Das Herzstück des hier besprochenen Weins ist die Lage Wintricher Ohligsberg, eine der renommiertesten und historisch bedeutendsten Weinbergslagen an der Mosel. Bereits im 19. Jahrhundert zählte der Ohligsberg zu den Spitzenlagen der Region, und seine Weine erzielten bei Auktionen oft die höchsten Preise. Die Lage erstreckt sich über einen extrem steilen, nach Westen bis Südwesten ausgerichteten Hang mit einer Neigung von bis zu 80 Prozent – ein Terroir, das selbst für moseltypische Verhältnisse außergewöhnlich ist und den Winzern bei der Bewirtschaftung alles abverlangt. Der Boden, auf dem die Reben hier wurzeln, ist ein graublauer, stark verwitterter Devon-Schiefer, der von Quarzitadern durchzogen ist und teilweise eisenhaltige Einlagerungen aufweist, die ihm eine rötliche bis purpurne Färbung verleihen. Diese karge, mineralische und gut drainierte Geologie zwingt die Reben zu einer tiefen Verwurzelung und verleiht den Weinen ihre unverwechselbare, salzige Mineralität, ihre rauchige Tiefe und ihre enorme Spannung. Die späte Westexposition bedeutet, dass die Trauben bis weit in den Oktober hinein von der warmen Herbstsonne profitieren können – eine Eigenschaft, die in kühleren Jahrgängen wie 2017 von unschätzbarem Wert war, um eine vollständige physiologische Reife bei gleichzeitig erhaltener, brillanter Säure zu erreichen.
Die Besonderheit der Abfüllung „Alte Reben“ liegt in der Herkunft der Trauben: Sie stammen von ungepfropften, über 90 Jahre alten Reben, die im Jahr 1925 gepflanzt wurden und aus einer speziellen Parzelle am Fuße des Hügels sowie etwas weiter oben im Seitental des Rondelbach stammen. Diese alten, tief wurzelnden Reben bringen von Natur aus deutlich geringere Erträge und kleinerere Beeren hervor, was zu einer außergewöhnlichen Konzentration an Aromen, Mineralien und Extrakt in den Trauben führt. Die Weine aus diesen alten Reben zeichnen sich durch eine zusätzliche Dimension von Tiefe, Komplexität und Textur aus, die sie von den Weinen der jüngeren Reben desselben Weinbergs deutlich abhebt.
Der Jahrgang 2017: Ein Jahr der Präzision und der Säure
Das Weinjahr 2017 war an der Mosel ein Jahrgang der Kontraste, der von vielen Winzern eine immense Geduld und Präzision abverlangte. Nach einem insgesamt warmen Frühling und einem wechselhaften Sommer, der von kühleren Perioden und Regenfällen geprägt war, folgte ein trockener und sonniger Herbst, der eine langsame, gleichmäßige Reifung der Trauben ermöglichte. Die kühlen Nächte im Herbst sorgten dafür, dass die Trauben ihre natürliche Säure bewahrten, während die warmen Tage für eine ausreichende physiologische Reife sorgten. Die Lese erstreckte sich über einen längeren Zeitraum, was den Winzern die Möglichkeit gab, die Parzellen selektiv zu ernten und nur die besten und gesündesten Trauben für die Spitzenweine zu verwenden. Der Jahrgang 2017 brachte an der Mosel Weine von großer Klarheit, präziser Frucht und einer bemerkenswert lebendigen, tragenden Säure hervor – Eigenschaften, die ihn für einen Kabinett aus alten Reben prädestinierten. Die Weine sind zugänglicher und fruchtbetonter als die strengen, säurebetonten Jahrgänge wie 2010 oder 2013, besitzen aber dennoch die Struktur und die Langlebigkeit, die für große Mosel-Rieslinge charakteristisch sind.
Die Weinbereitung: Minimalismus im Dienst des Terroirs
Die Weinbereitung im Hause Julian Haart folgt einer Philosophie des kompromisslosen Minimalismus. Die Trauben werden ausschließlich von Hand gelesen und im Weinberg streng selektiert, um nur die gesündesten und aromatischsten Beeren zu verwenden. Im Keller werden die Trauben schonend gepresst, und die Gärung erfolgt – wie für die Mosel typisch – spontan mit den natürlichen Hefen der Trauben und des Kellers. Der Ausbau findet in großen, alten Holzfässern statt, die dem Wein eine subtile Textur und Komplexität verleihen, ohne die Frucht oder die Mineralität zu überdecken. Diese behutsame, geduldige Kellerarbeit ist das Markenzeichen des Hauses und der Schlüssel zur außergewöhnlichen Balance und Langlebigkeit seiner Weine. Der fertige Wein wird ungefiltert abgefüllt, um seine unverfälschte Ausdruckskraft und seine natürliche Stabilität zu bewahren. Der Alkoholgehalt liegt bei moderaten 7,5 Prozent – ein Wert, der für einen Kabinett aus der Mosel typisch ist und dem Wein seine Leichtigkeit und Eleganz verleiht.
Das sensorische Erlebnis: Ein Feuerwerk aus Frucht, Mineralität und Spannung
Eine Flasche des Julian Haart Ohligsberg Kabinett „Alte Reben“ 2017 heute zu verkosten, ist ein Erlebnis von seltener Intensität und Wandelbarkeit. Die Verkostungsnotizen, die seit der Abfüllung von Sammlern und Kritikern zusammengetragen wurden, zeichnen das Bild eines Weins, der die Extreme seines Jahrgangs und seines Terroirs in eine bemerkenswerte Harmonie verwandelt hat.
Die Nase ist das erste große Ereignis dieses Weins. Sie ist intensiv und vielschichtig, geprägt von einer reifen, aber vitalen Fruchtigkeit. Aromen von Zitrone, weißen Blüten und Pfirsich dominieren den Auftakt, unterlegt von einer dezenten, aber unverkennbaren mineralischen Note, die an feuchten Schiefer und Feuerstein erinnert. Ein erfahrener Verkoster beschrieb die Nase als „intensiv mit Zitrone, getrockneten Blumen, Pfirsich und einer leichten Käsenote“ – eine für große, gereifte Rieslinge typische Nuance, die von der Hefelagerung und der beginnenden Reife zeugt. Mit etwas Luft im Glas gesellen sich Aromen von Grapefruit, grünem Apfel und einem Hauch von Stachelbeere hinzu, die dem Duft eine belebende Frische verleihen.
Am Gaumen entfaltet sich die wahre Größe dieses Weins. Der Auftakt ist kraftvoll und dicht, mit einer Fülle von Aromen, die den Gaumen umhüllen. Die Textur ist seidig und cremig, fast ölig, und doch durchzieht den Wein eine elektrisierende, lebendige Säure, die ihn vor jeglicher Schwere bewahrt und ihm eine bemerkenswerte Frische und Länge verleiht. Ein Verkoster beschrieb diese Kombination aus „kraftvoller Säure“ und dem „trockenen Extraktgefühl“ als „stromschlagartig“ und hob die „lange, straffe Struktur und den schwungvollen Drive“ des Weins hervor. Die Aromen der Nase wiederholen sich am Gaumen mit großer Präzision: Zitrusfrüchte, Pfirsich, Grapefruit und grüner Apfel verschmelzen mit einer feinen mineralischen Salzigkeit und einer würzigen Kräuternote zu einem harmonischen Ganzen. Der Abgang ist außergewöhnlich lang und nachhaltig, mit einem sauberen Nachhall von Frucht, Mineralität und einer subtilen, leicht herben Note, die an frische Kräuter erinnert.
Die Bewertungen: Ein Chor der Begeisterung
Die Bewertungen für den Julian Haart Ohligsberg Kabinett „Alte Reben“ 2017 spiegeln seine außergewöhnliche Qualität und seine Fähigkeit wider, selbst erfahrene Kritiker zu begeistern. Die Plattform CellarTracker, auf der Sammler und Profis ihre Verkostungsnotizen teilen, verzeichnet für diesen Wein Bewertungen von 94+ bis 98+ Punkten. Eine besonders begeisterte Notiz beschreibt den Wein als „crazy beautiful“ und als „mind blowing wine“, der das volle Spektrum der Frucht zeige, mit einer großartigen Säure und komplexen, tiefen Aromen von Zitruszeste, Grapefrucht, grünem Apfel und Pfirsich sowie einem langen Abgang. Der Verkoster merkte an, dass dieser Wein heute sein Favorit sei, aber vermutete, dass die Jahrgänge 2019 und 2021 ihn in Zukunft noch übertreffen könnten – ein Zeichen für das enorme Potenzial und die hohe Messlatte, die dieser 2017er setzt.
Eine andere Stimme auf CellarTracker lobte die Saftigkeit und Komplexität des Weins, wünschte sich aber gleichzeitig „etwas mehr Mineralität für zusätzliche Spannung“ und prognostizierte, dass sich die saftige Frucht mit ein paar weiteren Jahren beruhigen und der Wein dann „exzellent“ sein werde. Diese etwas kritischere Anmerkung unterstreicht, dass der Wein trotz seiner unmittelbaren Zugänglichkeit noch über ein beachtliches Entwicklungspotenzial verfügt und von weiterer Flaschenreife profitieren kann. Die professionellen Kritiker von Mosel Fine Wines haben den Wein in ihrem Jahrgangsbericht 2017 (Ausgabe #41) besprochen und ihm eine hohe Bewertung zuteilwerden lassen, was seine Stellung unter den Spitzenweinen des Jahrgangs unterstreicht. Die Tatsache, dass der Wein in Sammlerkreisen und bei Kennern so hohe Wellen schlägt, ist ein deutliches Zeichen für seine außergewöhnliche Qualität.
Lagerpotenzial und Trinkreife: Ein Wein für die nächsten Jahrzehnte
Der Julian Haart Ohligsberg Kabinett „Alte Reben“ 2017 befindet sich heute, fast ein Jahrzehnt nach der Ernte, in einer faszinierenden Übergangsphase. Die anfängliche jugendliche Zurückhaltung, die für viele Mosel-Rieslinge des Jahrgangs 2017 charakteristisch war, ist einer sich öffnenden Komplexität gewichen. Die Frucht ist präsenter und zugänglicher geworden, die Säure ist besser integriert, und die mineralischen Noten treten deutlicher hervor. Der Wein hat begonnen, sein enormes Potenzial zu entfalten, und befindet sich am Beginn eines langen Trinkfensters, das sich – bei perfekter Lagerung – noch über viele Jahre, ja Jahrzehnte erstrecken dürfte. Die Struktur des Jahrgangs 2017 – die Kombination aus konzentrierter Frucht, lebendiger Säure und mineralischer Tiefe – lässt erwarten, dass dieser Wein noch bis in die 2030er Jahre und darüber hinaus mit Gewinn zu trinken sein wird. Die Empfehlung zur Servierung ist eindeutig: Der Wein sollte bei einer Temperatur von 8 bis 10 Grad Celsius serviert werden, um seine feinen Aromen und seine lebendige Säure optimal zur Geltung zu bringen. Er ist ein perfekter Begleiter zu feinen Fischgerichten, Meeresfrüchten, hellem Fleisch und asiatischen Gerichten, aber auch zu gereiftem Hartkäse – und er ist ein Wein, der es verdient, auch pur und mit Ruhe genossen zu werden, als Meditation über die Zeit und die ungebrochene Kraft eines großen Terroirs.
Fazit: Die stille Größe eines Ausnahmeweins
Der Julian Haart Wintricher Ohligsberg Riesling Kabinett „Alte Reben“ 2017 ist kein Wein, der im Rampenlicht steht. Er ist kein Große Lage im Sinne des VDP, der auf Auktionen Rekordpreise erzielt, und er wird nicht in jedem Weinmagazin als Legende gefeiert. Und doch verkörpert er eine Tugend, die in der heutigen Weinwelt oft übersehen wird: die stille, beständige Größe eines Weins, der aus einem exzellenten Jahrgang, einem außergewöhnlichen Terroir und der beharrlichen Handwerkskunst eines leidenschaftlichen Winzers hervorgegangen ist. Er ist das Ergebnis einer glücklichen Fügung aus alten, ungepfropften Reben, die seit fast einem Jahrhundert in den steilen Schieferhängen des Ohligsbergs wurzeln, einem Jahrgang, der Präzision und Säure in Perfektion vereinte, und der kompromisslosen Hingabe von Julian Haart, der seine Weine mit derselben Leidenschaft und Detailversessenheit keltert wie einst als Koch. Er erinnert uns daran, dass wahre Klasse sich nicht immer in spektakulärer Opulenz oder einem berühmten Namen ausdrückt, sondern oft in der Fähigkeit, unter Herausforderungen eine eigene, subtile und zutiefst befriedigende Persönlichkeit zu entwickeln. In seiner Bescheidenheit liegt seine Größe – ein stiller Triumph der Beständigkeit und ein würdiger Botschafter der Mosel, des Ohligsbergs und der alten Reben, die ihm seine Seele verleihen.