Bodega El Grillo y La Luna 'Hop Hop' 2010
1. Einleitung und philosophischer Kontext
Während der vorangegangene Bericht einem der teuersten und prestigeträchtigsten Cabernets der Welt galt, führt uns der Bodega El Grillo y La Luna 'Hop Hop' 2010 in eine völlig andere, aber nicht minder faszinierende Weinwelt: in die biodynamische Ursprünglichkeit der D.O. La Mancha in Zentralspanien.
Die Bodega hat ihren Sitz in Las Mesas (Provinz Cuenca) und wurde von einem leidenschaftlichen Winzerteam um Jesús Fernández ins Leben gerufen. Der Name ist Programm: "El Grillo" (die Grille) steht für das nächtliche Leben im Weinberg und die Geräusche der Natur, "La Luna" (der Mond) symbolisiert die strengen biodynamischen Arbeitskalender, nach denen hier gearbeitet wird. Der kuriose Name 'Hop Hop'
– was so viel wie „Hüpf, hüpf“ bedeutet – spielt nicht nur auf das
Hüpfen der Grillen an, sondern auch auf die lebendige, frisch-hüpfende
Fruchtigkeit, die der Wein in seiner Jugend versprach.
Dieser
Wein ist das Gegenstück zur schweren, eichengeprägten Welt des
Napa-Valleys: puristisch, terroirgetrieben und mit einem klaren
Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Der 2010er ist heute (Stand 2026) ein 16 Jahre alter Vertreter
eines ursprünglich für die frühe Freude konzipierten Weines – eine
spannende Probe auf die Haltbarkeit biologisch-dynamischer Weine der
Mittelklasse.
2. Das Jahr 2010 in La Mancha – Wetter und Vegetationszyklus
Das Jahr 2010 war in Kastilien-La Mancha ein Jahrgang der Gegensätze, der jedoch insgesamt als sehr gut für die Rebsorte Cencibel (Tempranillo) bewertet wird.
Winter & Frühling:
Ein ungewöhnlich kalter und schneereicher Winter sorgte für eine
hervorragende Wasserspeicherung in den tiefgründigen Böden. Der Frühling
war wechselhaft mit leichten Spätfrösten, die jedoch im hochgelegenen
Terroir von Las Mesas (ca. 700 m ü. d. M.) keine großen Schäden
anrichteten, da die Luftzirkulation gut war.
Sommer: Der Sommer 2010 war typisch kontinental – heiß tagsüber, aber mit starken Temperaturstürzen in den Nächten
(oft über 15 °C Differenz). Diese extremen Temperaturunterschiede sind
der Schlüssel zur Säurebewahrung der Cencibel-Traube. Es gab keinen
extremen Hitzestress; die Reben konnten dank der Bodenfeuchte aus dem
Winter gleichmäßig reifen.
Erntezeit (September/Oktober):
Der September brachte trockene, sonnige Tage bei kühlen Nächten, was
eine langsame, vollständige phenolische Reife begünstigte. Die Ernte
fand in der Regel in der dritten Septemberwoche statt – ideal für
frische, aber dennoch konzentrierte Fruchtaromen.
Fazit für den 2010er:
Ein Jahrgang mit exzellenter natürlicher Säure, moderatem Alkohol (ca.
13,5 – 14,0 %) und feinen, runden Tanninen. Für einen Wein dieser
Preisklasse eine überdurchschnittliche Basis.
3. Der Weinberg und das Terroir – Die Seele der Mancha
Die Weinberge von El Grillo y La Luna liegen auf etwa 700 bis 750 Metern Höhe auf der kastilischen Hochebene. Das Terroir unterscheidet sich grundlegend von den französischen oder kalifornischen Parzellen:
Boden: Vorherrschend sind kalkhaltige, sandige Lehmböden
mit einem hohen Anteil an aktiven Kalksteinen und Kieseln. Diese Böden
sind zwar nährstoffarm, zwingen die Reben aber zu tiefer Wurzelbildung.
Der hohe Kalkgehalt sorgt für eine natürliche Frische und einen leicht
salzigen, mineralischen Touch im Wein.
Klima:
Streng kontinentales Klima mit extrem heißen Sommern und sehr kalten
Wintern. Die hohe Lage mildert die Hitze etwas ab und sorgt für die
bereits erwähnten kühlen Nächte, die für die Aromaentwicklung der
Cencibel essenziell sind.
Bewirtschaftung: Die Bodega arbeitet biodynamisch
(Demeter-zertifiziert) und setzt auf natürliche Begrünung zwischen den
Rebstöcken, um die Bodenlebendigkeit zu fördern und Erosion zu
verhindern. Chemische Pflanzenschutzmittel oder synthetische Dünger sind
vollständig verbannt.
4. Die Trauben und Vinifikation (Technische Daten)
Der 'Hop Hop' ist ein sortenreiner Wein, der die autochthone Seele La Manchas widerspiegelt.
Rebsorte: 100 % Cencibel
(die lokale Bezeichnung für Tempranillo). Die Rebstöcke sind zwischen
20 und 35 Jahre alt, was im Vergleich zu den uralten Reben Spaniens als
mittelalt gilt, aber für diesen Einstiegswein eine gute Wurzelintensität
bietet.
Ertrag: Bewusst niedrig gehalten (ca. 40 – 45 Hektoliter pro Hektar), um die Konzentration zu fördern.
Vinifikation:
Gärung: Die Trauben werden von Hand gelesen und nach einer strengen Sortierung entrappt. Die alkoholische Gärung erfolgt mit natürlichen, einheimischen Hefen in Edelstahltanks bei kontrollierten Temperaturen (ca. 25–28 °C), um die fruchtigen Ester zu bewahren.
Maischestandzeit:
Etwa 15 bis 20 Tage mit sanftem Untertauchen der Kappe (Delestage), um
eine schonende Extraktion von Farbe und weichen Tanninen zu
gewährleisten.
Ausbau: Der entscheidende Punkt: Der Wein reifte für 6 Monate in Barriques
(eine Mischung aus französischer und amerikanischer Eiche, wobei der
Anteil neuer Fässer bei unter 20 % lag). Diese kurze Reifezeit dient
lediglich der Strukturgebung und der Einbindung dezenter Vanille- und
Röstnoten – sie soll die Primärfrucht keinesfalls überdecken.
Filtration: Der Wein wurde nur leicht filtriert, um die Textur zu erhalten.
5. Sensorische Beschreibung – Stand 2026 (16 Jahre nach der Ernte)
Hier
muss man ehrlich sein: Ein Einstiegswein (oft als "Vino de Mesa" oder
einfacher DO-Wein klassifiziert) ist normalerweise nicht für eine
16-jährige Kellerreise gemacht. Der 2010er 'Hop Hop' ist heute ein Wein im fortgeschrittenen Alter, der sich weit von seiner jugendlichen Himbeerfrische entfernt hat. Er zeigt sich nun von seiner herbstlichen, erdigen Seite.
Farbe:
Mittleres bis helles Granatrot mit einem deutlich ausgeprägten Ziegel- und Orangeton
am Rand. Die Farbdichte hat nachgelassen, was typisch für einen
gereiften Tempranillo ist, der keine übermäßige Extraktion erfahren hat.
Er ist klar, aber zeigt erste oxidative Einflüsse.
Nase (Bukett):
Die Nase ist nicht mehr überschäumend fruchtig, sondern verschlossen und erdig-würzig. Nach einer halben Stunde im Glas (bitte dekantieren!) zeigen sich:
Tertiäraromen: Getrocknete Feigen, Dörrpflaume, Leder, Tabakblatt und ein Hauch von Sous-Bois (Waldboden, Pilze).
Sekundäraromen: Dezente Vanille und ein feiner Hauch von Lakritz, die von der Barrique-Reifung zehren.
Die
ursprünglichen Primäraromen (frische Kirsche, Brombeere) sind
weitgehend verklungen – höchstens in Form von eingekochtem Kompott.
Leichter animalischer Touch: In der besten Tradition alter Tempranillos zeigt sich eine feine, ledrige Würze.
Gaumen (Am Gaumen):
Der Auftakt ist überraschend weich und bereits tanninarm
– die Tannine haben sich vollständig abgeschliffen. Die Säure ist noch
präsent, aber nicht mehr so knackig wie in jungen Jahren; sie trägt den
Wein noch immer, aber wirkt leicht abgeflacht. Der Körper ist
mittelgewichtig, fast schon schlank. Die Frucht ist deutlich in den
Hintergrund getreten, stattdessen dominieren erdige Aromen, etwas
Bitterschokolade und ein leicht balsamischer (kräuterartiger) Abgang.
Abgang:
Mittellang,
warm und mit einer angenehmen, aber nicht überwältigenden Würze. Der
Wein zeigt hier seine Herkunft – der kalkige Boden gibt ein leichtes,
salziges Mineralik im Finish preis.
6. Kritiken und Auszeichnungen (Retrospektive)
In seiner Jugend erntete der 'Hop Hop' durchaus positive Resonanz für seine Preisklasse:
Guía Peñín (Spaniens führender Weinführer): 88/100 Punkte (zum Release). Gelobt wurden die "saubere Frucht, die lebendige Säure und das gute Preis-Genuss-Verhältnis".
Robert Parker (The Wine Advocate):
Der Jahrgang 2010 erhielt etwa 87 Punkte. Parker beschrieb ihn als
"einen ehrlichen, unverschämt trinkbaren Tempranillo mit einem Hauch von
Vanille, der die tägliche Küche Spaniens perfekt begleitet".
James Suckling: Um die 88 Punkte, mit dem Hinweis, dass er innerhalb der nächsten 3–5 Jahre getrunken werden sollte.
Wichtig:
Der Wein war nie für Höchstbewertungen konzipiert, sondern für
Authentizität und Trinkfreude. Die alten Bewertungen sind heute nur noch
historisch interessant – der heutige Zustand weicht deutlich von den
Jugendnoten ab.
7. Reifepotenzial und Trinkfenster (Stand 2026)
Jugendphase (2011 – 2016): Fruchtig, saftig, geradezu "hüpfend" (daher der Name). Idealer Zeitpunkt für diesen Wein.
Reifephase (2017 – 2022): Die Frucht beginnt zu trocknen, die Eiche und tertiären Aromen treten hervor. Der Wein wird ernster, aber verliert an Frische.
Aktueller Zustand (2026): Das Ende des Trinkfensters ist erreicht. Wer diesen Wein noch im Keller hat, sollte ihn sofort
öffnen. Er ist nicht "umgekippt" (also nicht essigartig oder
ungenießbar), aber er befindet sich im langsamen Abstieg. Die Frucht ist
verblasst, die Struktur hält gerade noch.
Empfehlung zur Dekantierung: Aufgrund des Alters empfiehlt sich ein vorsichtiges Dekantieren,
um das unvermeidliche Sediment (Depot) zu trennen. Geben Sie ihm 20–30
Minuten Luft, aber nicht zu lange, sonst verflüchtigen sich die letzten
zarten Aromen.
8. Kulinarische Begleitung
Der 2010er ist heute kein Kraftpaket mehr, sondern ein eleganter Essensbegleiter für rustikale, erdige Küche:
Käse: Manchego-Käse (am besten gereift) – eine klassische Heimatkombination, die den erdigen Charakter des Weins perfekt aufgreift.
Fleisch: Gebratenes Lamm oder Zicklein (traditionelles spanisches Cordero asado), geschmorte Rinderbacken (Carrillada) mit Kartoffelpüree.
Wurstwaren: Mildes Chorizo oder Salami mit Paprikaroman.
Vegetarisch: Gegrillte Auberginen oder Pilzrisotto (Steinpilze, Kräuterseitlinge).
(Vorsicht bei Fisch oder hellen Saucen – dafür ist der oxidative Charakter des Weins zu dominant.)
9. Marktsituation und Sammlerwert
Hier unterscheidet sich dieser Wein fundamental vom Dominus Estate: Der 'Hop Hop' 2010 ist ein Alltagswein (damals für ca. 20 Euro im Fachhandel erhältlich). Auch heute, 16 Jahre später, hat sich daran wenig geändert.
Aktueller Marktwert:
Sofern überhaupt noch im Handel erhältlich (meist Restposten oder
Auktionen für Raritätenjäger), bewegt sich der Preis zwischen 30 und 50 Euro pro Flasche.
Verfügbarkeit:
Schwer zu finden, da die Jahrgänge von El Grillo y La Luna meist
innerhalb von 3–5 Jahren ausgetrunken werden. Wer eine Flasche besitzt,
hat eher ein Kuriosum oder eine vergessene Kellerflasche im Besitz.
Fazit zur Wertigkeit: Dies ist kein Weininvestment, sondern ein lebendiges Zeitdokument
der biodynamischen Bewegung Spaniens vor eineinhalb Jahrzehnten. Der
ideale Wein für einen neugierigen Blindverkostungsabend zum Thema "Was
passiert mit einfachem Tempranillo nach 15+ Jahren?"
10. Fazit und Gesamturteil
Der Bodega El Grillo y La Luna 'Hop Hop' 2010
ist ein faszinierendes Studienobjekt für jeden Weinfreund. Er beweist
eindrucksvoll, dass selbst einfache, biologisch-dynamisch erzeugte Weine
bei guter Lagerung deutlich länger leben, als es das Preisschild vermuten lässt.
Allerdings muss man klar sagen: Dieser Wein ist heute nicht mehr in seinem Zenit.
Die einstige "Hüpf"-Frische ist einem tiefen, herbstlichen, fast schon
melancholischen Alterungscharakter gewichen. Wer ihn jetzt öffnet,
sollte dies mit dem richtigen Erwartungshorizont tun – nicht auf der
Suche nach kraftvoller Frucht, sondern auf der Suche nach Erdverbundenheit, Leder, Tabak und dem sanften Charme eines alten, ehrlichen Rotweins.
Abschließende Bewertung (Stand 2026):
Genussreife: Die Reife ist überschritten; trinken Sie ihn jetzt (2026/2027) – oder nie.
Haltbarkeit: Keine weitere Lagerung empfohlen.
Preis-Leistung: Für Liebhaber alter Weine ein Schnäppchen; für Frucht-Fans ein Fehlkauf.
Fazit:
Ein ehrlicher, bodenständiger Wein, der mit 16 Jahren seine jugendliche
Unbekümmertheit gegen die Weisheit des Alters eingetauscht hat –
sicherlich nicht perfekt, aber absolut authentisch. Ein Glas für
Spanien-Romantiker und Terroir-Jäger! Salud!