Biondi Santi – Brunello di Montalcino „Il Greppo“ Riserva 1998
Wein der Extreme – Ein lebendiges Denkmal der italienischen Vinifikationskunst
1. Einleitung & historische Bedeutung
Der Biondi Santi Brunello di Montalcino Riserva „Il Greppo“ 1998
ist weit mehr als ein alter Rotwein. Er ist der Inbegriff des
klassischen, jahrzehntelang reifefähigen Brunello und ein lebendiges
Stück italienischer Weingeschichte. Während viele Vertreter des
berühmten Jahrgangs 1997 bereits ihre Reifekurve erreicht haben oder im
Abstieg begriffen sind, befindet sich der 1998er Riserva genau in jenem magischen Trinkfenster, in dem sich wilde, jugendliche Kraft und komplexe, tertiäre Finesse die Waage halten.
Da die Biondi-Santi-Familie ihre Riserva
nur in absoluten Spitzenjahrgängen (wie 1888, 1891, 1925, 1945, 1955,
1964, 1975, 1983, 1995, 1999, 2001, 2004, 2006, 2010, 2015 – und eben 1998) abfüllt, ist dieses Etikett ein seltener Glücksfall für Sammler und Genießer. Der 1998er wurde erst 2004
nach fast sechsjähriger Geduld (davon drei Jahre im Holz) auf den Markt
gebracht und ist nun, im Jahr 2026, vollends in seiner Sphäre
angelangt.
2. Das Weingut: Die Erfinder des Brunello
Das Gut Il Greppo in Montalcino ist die Urzelle des Brunello di Montalcino. Ferruccio Biondi Santi
selektierte Ende des 19. Jahrhunderts erstmals eine lokale Spielart des
Sangiovese, die er aufgrund ihrer besonders großen, lockeren Trauben „Sangiovese Grosso“ nannte – die heute weltweit bekannte Biondi-Santi-Klon.
Die
Philosophie des Hauses ist kompromisslos konservativ: Keine Barriques
(französische Eiche), keine Zugabe von internationalen Rebsorten, kein
Schönungsmittel, keine Filterung. Die Weine sollen das Terroir des
kalkhaltigen, steinigen Hügels von Il Greppo unverfälscht widerspiegeln.
Diese puristische, fast asketische Herangehensweise führt bei jungen
Jahrgängen oft zu herben, strengen Tanninen – doch sie sind der
alleinige Garant für die überragende Langlebigkeit dieser Weine, die oft
erst nach 20 bis 30 Jahren ihren Höhepunkt erreichen.
3. Der Jahrgang 1998 in der Toskana
In der Wahrnehmung vieler Weinliebhaber steht das Jahr 1998
oft im Schatten des opulenten, hitzigen und sehr frühen Jahrgangs 1997.
Das ist ein großer Fehler. Während 1997 einen "internationalen" Stil
prägte, war 1998 ein klassischer, kühlerer und eleganter Jahrgang.
Vegetationszyklus:
Der Frühling war wechselhaft mit leichten Niederschlägen, gefolgt von
einem heißen, aber nicht extremen Sommer. Die entscheidende Reifephase
im September und Oktober war geprägt von kühlen Nächten und großen
Tag-Nacht-Temperaturschwankungen.
Resultat:
Diese Bedingungen bewahrten die natürliche Säure und die aromatische
Frische der Sangiovese-Trauben. Der 1998er besitzt nicht die dicke,
marmeladige Fülle des 1997ers, sondern besticht durch eine
atemberaubende Spannung, Mineralität und adrette, kühle Frucht. Er ist der intellektuellere Wein der beiden Spitzenjahrgänge.
4. Vinifikation & Ausbau („Il Greppo“-Stil)
Der 1998er Riserva durchlief den strengen, traditionellen Prozess, der den Mythos Biondi Santi begründete:
Maischestand:
20 bis 30 Tage bei kontrollierten Temperaturen (nicht zu hoch, um die
feinen Aromen zu schonen), mit täglichen, sanften Unterstoßungen
(Pumpovers) zur sanften Extraktion von Farbe und Tanninen.
Ausbau: Die Reifung erfolgte ausschließlich in großen, mehrfach gebrauchten Fässern aus slawonischer Eiche
(Fassungsvermögen 30 bis 60 Hektoliter). Diese Bottiche verleihen dem
Wein kein süßliches Toast- oder Vanillearoma (wie kleine Barriques),
sondern fördern eine langsame, mikro-oxidative Reifung, die die Tannine
elegant bindet und die tertiären Aromen (Leder, Tabak, Trüffel)
heranreift.
Flaschenreife: Nach etwa 3 Jahren im Holz wurde der Wein unfiltriert abgefüllt und verbrachte mindestens 3 weitere Jahre in den kühlen Kellern von Il Greppo, bevor er 2004 in den Handel kam.
5. Sensorische Beschreibung (Tasting Notes – Stand 2026)
Optik:
Tiefes, leuchtendes Granatrot mit einem deutlichen, aber harmonischen Ziegelstein-Orangeton
am Rand. Die Farbe zeugt von der langen Reife, wirkt aber noch immer
dicht und konzentriert in der Mitte – ein Zeichen für enorme
Extraktfülle.
Nase (Bukett):
Die Nase ist ein atemberaubendes Kaleidoskop der Komplexität. Zunächst dominieren getrocknete Kirsche, bittere Orangenschale und Pflaumenmus. Dahinter entfalten sich die typischen Biondi-Santi-Tertiäraromen: feiner Tabak, edles Leder, Graphit, getrocknete Kräuter (Rosmarin, Salbei) und ein Hauch von schwarzem Trüffel. Imposant ist die kühle, balsamische Note – fast wie Eukalyptus oder Minze
– die für diesen speziellen Klon und das kühle Terroir von Il Greppo
charakteristisch ist. Trotz des Alters zeigt die Nase noch eine
beeindruckende, frische Fruchtpur.
Gaumen:
Am Gaumen offenbart sich die ganze Magie dieses Weins. Er ist mittelgewichtig, besitzt aber eine unglaubliche Dichte und eine präzise, straffe Säurestruktur,
die den Wein wie einen Diamanten wirken lässt. Die Tannine sind nach 28
Jahren (Stand 2026) vollkommen geschliffen, feinpulvrig und perfekt in
die Frucht integriert – sie bilden ein seidiges, aber dennoch tragendes
Gerüst. Der Körper ist federnd, lebendig und keineswegs schwer. Am
Gaumen wiederholen sich die Aromen von Kirschkonfitüre, gefolgt von
mineralischen Noten (Kalkstein, Kreide) und einem langen, salzigen
Finish. Der Abgang ist schier endlos und hinterlässt einen Hauch von Süßholz und getrockneten Veilchen.
Fazit zur Reife:
Dieser Wein ist jetzt perfekt trinkreif.
Er hat seine jugendliche Schroffheit komplett abgelegt, ohne auch nur
eine Spur von Müdigkeit zu zeigen. Er wird diesen Höhepunkt mit
Leichtigkeit noch mindestens bis 2040 halten, bevor er langsam in eine noch erdiger/balsamischere Phase übergeht.
6. Bewertungen & Marktsituation
Der
1998er Riserva wurde von der internationalen Presse hoch gelobt, auch
wenn er wegen seines zurückhaltenden, klassischen Stils nicht die
Höchstpunktzahlen der opulenteren Jahrgänge erreichte.
Wine Spectator: 93/100 Punkte (Gelobt für die Balance und Reinheit).
Robert Parker / The Wine Advocate: 91-93/100 (Hervorgehoben wurde die bemerkenswerte Frische und der lange Abgang).
Gambero Rosso: Auszeichnung mit den begehrten „Tre Bicchieri“.
James Suckling: 95/100 (mit dem Kommentar: "Ein Wein, der einen zum Träumen bringt").
Preisentwicklung (Aktuell 2026):
Aufgrund
der Seltenheit (nur rund 20.000 bis 25.000 Flaschen produziert) und des
enormen Sammlerwertes liegt der Preis für eine Flasche in einwandfreier
Provenienz (original Karton, lückenlose Lagerkette) zwischen 400 und 650 Euro. Bei Auktionen können je nach Zustand und Flaschengröße (Magnum) auch deutlich höhere Summen erzielt werden.
7. Empfehlungen für den Genuss
Damit das Erlebnis perfekt wird, sind ein paar wenige, aber entscheidende Regeln zu beachten:
Dekantieren:
Der Wein hat 28 Jahre Flaschenreife hinter sich. Dennoch sammeln sich
im unfiltrierten Wein natürliche Ablagerungen. Die Flasche sollte 2 bis 3 Stunden vor dem Genuss aufrecht hingestellt werden, um den Sediment zu setzen. Ein Dekantieren unbedingt vermeiden
(zu viel Sauerstoff schadet der filigranen Struktur!). Vorsichtig in
die Karaffe oder direkt aus der Flasche servieren – aber erst nach
vorsichtigem Umschwenken in der Karaffe, nur um die ersten Aromen zu
öffnen.
Serviertemperatur: 16 bis 18 °C (nicht wärmer, sonst bricht die Säure unangenehm hervor).
Speisenbegleitung:
Der 1998er ist ein begnadeter Essensbegleiter. Er verlangt nach kräftigen, aber nicht zu schweren Aromen:
Wildgerichte: Geschmorte Wildschwein-Haxe (Cinghiale) in der Typizität der toskanischen Küche.
Geflügel: Gebratene Entenbrust mit Preiselbeeren oder pochierte Taube (Piccione).
Pasta & Risotto: Pappardelle mit Hasen-Ragù oder ein cremiger Risotto mit weißen Trüffeln (Tartufo bianco).
Käse:
Gereifter Pecorino Toscano (mindestens 12 Monate gereift) oder Parmesan
– jedoch keinesfalls zu salzig oder zu scharf, um die Frucht nicht zu
überdecken.
8. Abschließendes Resümee
Der Biondi Santi Brunello di Montalcino Riserva „Il Greppo“ 1998
ist die Verkörperung des puristischen, zeitlosen Brunello-Stils. Er
zeigt eindrucksvoll, dass Größe im Wein nicht durch Extrakt und Alkohol
entsteht, sondern durch Eleganz, Säurestruktur und Terroir-Expressivität.
Für den Sammler ist er ein non plus ultra
der Reife; für den Genießer im Jahr 2026 bietet er ein sinnliches
Erlebnis, das Brücken zwischen der alten toskanischen Weinbautradition
und der modernen Auffassung von großer Mineralität schlägt. Wer das
Glück hat, eine Flasche dieses Jahrgangs zu öffnen, sollte sich Zeit
nehmen – dieser Wein erzählt eine Geschichte, die sich über viele
Stunden im Glas immer wieder neu schreibt. Ein unvergesslicher Wein
eines unvergesslichen Jahrzehnts.