Georg Breuer - Rüdesheimer Berg Schlossberg Riesling Q.b.A. Trocken 2003
1. Einleitung und Weingut-Portrait
Das Weingut Georg Breuer
in Rüdesheim am Rhein zählt zu den Pionieren und unbestrittenen
Spitzenerzeugern des Rheingaus. Gegründet 1880, revolutionierte
insbesondere Bernhard Breuer (1942-2004) ab den 1980er Jahren mit seiner Philosophie die Wahrnehmung des trockenen Rheingauer Rieslings. Sein Credo: Konzentration durch Reduktion.
Strengste Ertragsbegrenzung, selektive Handlese und der kompromisslose
Verzicht auf jegliche Süßreserve prägten den unverwechselbaren,
mineralisch-dichten Stil des Guts. Seit seinem Tod führen seine
Schwester Gerti und seine Tochter Theresa Breuer das Gut mit gleicher Hingabe weiter.
Die Einzellage Rüdesheimer Berg Schlossberg ist eine der berühmtesten und steilsten Südlagen Europas. Die extrem steilen, terrassierten Rebhänge mit ihrem devonischem Schiefer- und Grauwacke-Boden
speichern Wärme, sorgen für hervorragende Drainage und verleihen den
Rieslingen eine einzigartige, kühle Mineralität, feine Würze und enorme
Langlebigkeit. Der "Schlossberg" ist das Herzstück des Breuer'schen
Sortiments.
2. Der Jahrgang 2003 im Rheingau: Das "Hitzesommer"-Phänomen
Das Jahr 2003 war in ganz Europa ein meteorologischer Ausnahmejahrgang.
Vegetationsperiode:
Extrem heißer und trockener Sommer mit langen Hitzewellen. Temperaturen
über 40°C waren keine Seltenheit. Die Reben litten unter Hitzestress
und Trockenheit.
Folgen für die Trauben: Sehr frühe und schnelle Entwicklung. Die Gefahr bestand in übermäßig hohen Mostgewichten bei gleichzeitigem raschem Säureabbau.
Die Kunst der Winzer bestand darin, die physiologische Reife (Aromen,
Tannine) nicht durch übermäßige Zuckeranreicherung und Säureverlust zu
gefährden.
Herbst & Lese: Sehr frühe Lese, bereits Ende August/Anfang September, um die verbliebene Säure und Frische zu retten.
Jahrgangscharakter: Weine von außergewöhnlicher Reife, Fülle und Alkoholstärke, aber mit der Herausforderung, die Balance zu wahren. Nicht klassisch-elegante, sondern kraftvolle, sonnenverwöhnte Weine.
Für
Georg Breuer bedeutete dies: Die Stärke des kühl-mineralischen
Schieferbodens im Schlossberg war ein entscheidender Puffer gegen die
Hitze. Die Arbeit am steilen Hang und die niedrigen Erträge ermöglichten
es, Trauben mit intensiver Frucht und erhaltener Struktur zu ernten.
3. Produktionsdetails und Technische Angaben
Prädikat: Qualitätswein bestimmter Anbaugebiet (Q.b.A.) trocken. Bei Breuer steht diese "einfache" Klassifikation für höchstes Niveau. Es handelt sich um einen ortsüblichen, klassischen Gutsriesling aus der Lage, ohne Prädikats-Auslese, aber mit der vollen Konzentration des Jahrgangs und der Lage.
Ertrag: Streng limitiert, wahrscheinlich um 40-45 hl/ha, deutlich unter dem Rheingauer Durchschnitt.
Vinifikation: Traditionelle, schonende Pressung. Spontanvergärung mit eigenen Hefen in großen, neutralen Holzfässern (Stückfudern). Langer, langsamer Gärverlauf zur Komplexitätsbildung.
Ausbau: Mehrere Monate auf der Feinhefe (Sur Lie) im Holzfass, um Textur und Stabilität zu fördern.
Alkoholgehalt: Hoch für einen Riesling, geschätzt 13,0 - 13,5% vol., typisch für 2003.
Restzucker: Wahrhaft trocken, vermutlich unter 4 g/l, vollständig von Säure und Alkohol kompensiert.
Säure: Trotz des heißen Jahres aufgrund früher Lese und kühler Lage moderat bis gut, der Schlüssel für die Balance.
4. Sensorische Analyse (Zustand 2024)
Nach über 20 Jahren Flaschenreife zeigt dieser Wein seine volle Entwicklungstiefe.
Farbe:
Mittleres bis kräftiges Goldgelb mit bernsteinfarbenen Reflexen.
Viskos und dicht im Glas, deutliche "Tränenbildung".
Nase:
Das Bouquet ist intensiv und komplex und zeigt die typische Entwicklung eines gereiften, trockenen Spitzenrieslings.
Die primäre Frucht ist von reifen, tertiären Aromen überlagert: Petroleum, Kerosin (klassisch für gereiften Riesling), Honigwaben, geröstete Mandeln und Walnüsse.
Darunter schwingt noch die Frucht des Hitzejahres mit: Aprikosenkonfitüre, getrocknete Pfirsiche, eine Note von Quitte.
Die mineralische Grundierung des Schlossbergs bleibt präsent: Schieferige, rauchige, fast salzige Noten.
Gaumen:
Einstieg: Füllig und üppig, fast schon wärmend durch den Alkohol. Die Textur ist cremig und seidig.
Mittelteil: Die Reife explodiert: Aromen von Honig, gereiften gelben Früchten und eine deutliche Nussigkeit. Trotz der Fülle bleibt der Wein durch eine lebendige, erfrischende Säurelinie und die mineralische Strenge fokussiert und straff. Keine Spur von Schwere oder Müdigkeit.
Finale: Extrem lang
und nachhaltig. Die Aromen von reifer Frucht, Petroleum und Schiefer
vereinen sich zu einem sauberen, trockenen Abgang mit einer angenehmen,
würzigen Bitterkeit (wie von Orangenschale), die für Komplexität sorgt.
Gesamteindruck:
Ein monumentaler, gereifter Riesling,
der die Extreme des Jahres 2003 in bestechende Form gebracht hat. Er
ist kein klassisch zierlicher Rheingauer, sondern ein kraftvoller,
warmer und dennoch durch mineralische Präzision geprägter Wein. Er
beweist die Langlebigkeit und das Harmoniepotenzial auch in extremen Jahrgängen unter den Händen eines großen Winzers.
5. Expertenbewertungen und Trinkreife
Aktuelle Bewertung (rückblickend):
Weine wie dieser festigten Breuers Ruf, auch in schwierigen Jahrgängen
großartige, charakterstarke Weine zu erzeugen. 2003er von der Spitze
gelten heute als überraschend langlebig und trinkreif.
Trinkfenster: Der Wein ist auf seinem absoluten Höhepunkt (2020-2028).
Er hat seine jugendliche Strahlkraft gegen eine unvergleichliche
Komplexität eingetauscht. Weitere Lagerung ist möglich, wird aber keine
neue Qualitätsebene mehr erschließen, sondern die tertiären Aromen
weiter in den Vordergrund rücken lassen.
Entwicklung: Vor 10 Jahren war er noch kraftvoll und fruchtbetont, heute ist er vollständig harmonisch und "angekommen".
6. Vergleich mit anderen Breuer-Jahrgängen
Vs. klassische Jahrgänge (z.B. 2001, 2004): Der 2003er ist opulenter, wärmer und weniger auf schneidiger Säure basierend. Er hat mehr "Fleisch auf den Knochen".
Vs. andere Hitzejahrgänge (z.B. 2018, 2022):
Als frühes Beispiel eines modernen Hitzejahrgangs zeigt er den "alten",
weniger auf Frucht ausgerichteten, sondern mehr auf Komplexität und
Entwicklung angelegten Stil. Moderne Hitzejahrgänge wirken oft
zugänglicher und fruchtbetonter.
Innerhalb des Sortiments: Als Q.b.A. steht er für die lagentypische Essenz
– vielleicht zugänglicher und früher trinkreif als die
lagerungsintensiveren Spät- oder Auslesen desselben Jahrgangs, aber von
gleicher terrestrischer Tiefe.
7. Marktsituation und Wert
Verfügbarkeit: Sehr begrenzt. Der Jahrgang ist 21 Jahre alt, die meisten Flaschen sind längst genossen.
Preisniveau:
Ursprünglich ein erschwinglicher Einstieg in die Welt des Schlossbergs.
Heute, als gereifte Rarität, bei Auktionen oder im Fachhandel mit 200- 400€ pro Flasche (0,75l) zu bewerten, stark abhängig von der Provenienz.
Sammlerwert: Hoch für Liebhaber gereifter Rieslinge und des Weinguts. Er ist ein faszinierendes Studienobjekt für die Entwicklung von Riesling in extremen Jahrgängen.
8. Servierempfehlung und Lagerung
Serviertemperatur: 12-14°C. Nicht zu kühl, um die komplexen Aromen zu öffnen.
Dekantieren: Nicht nötig, aber 30 Minuten im Glas verbessern das Bukett erheblich.
Glas: Großes, bauchiges Weißweinglas, um die komplexe Nase zu entfalten.
Speisenbegleitung: Perfekt zu kräftigen, aromatischen Gerichten: Gebratener Wildlachs, Saibling, Rehmedaillons in leichter Sauce, Pilzrisotto mit Trüffel, gereifter Bergkäse (z.B. Comté, Beaufort). Der Wein kann sich auch gegen leichte Gerichte mit Röstaromen behaupten.
9. Fazit
Der Georg Breuer Rüdesheimer Berg Schlossberg Riesling Q.b.A. trocken 2003 ist ein beeindruckendes Zeitdokument. Er beweist, dass ein großer Winzer und eine große Lage selbst in klimatischen Extremjahren nicht ihre Identität verlieren,
sondern diese neu interpretieren. Aus der Herausforderung des
"Jahrhundertsommers" schufen die Breuers einen kraftvollen,
sonnengetränkten, aber durch Schiefermineralität und erfrischende Säure
disziplinierten Riesling von großer Tiefe und Würde.
Wer heute eine Flasche öffnet, erhält keine jugendliche Frische, sondern die volle Reife und Weisheit eines gereiften Spitzenweins.
Er ist ein Genuss für Kenner, die die komplexen Aromen alternder,
trockener Rieslinge zu schätzen wissen, und ein lebendiger Beweis für
die Langlebigkeit des Rheingauer Rieslings in seiner trockensten und konzentriertesten Form.
„Der
2003er Schlossberg von Breuer ist wie ein weiser, sonnengegerbter
Philosoph: kraftvoll in der Aussage, warm im Ton, aber mit einem
unerschütterlichen mineralischen Kern aus Wahrheit.“ – Eine treffende
Charakterisierung.